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Therapeutisches Reiten

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Sanft gleiten die Kolosse am Horizont von Nassenheide entlang. Ohne jede Hektik und im immergleichen Rhythmus schaukelnder Bewegungen durchschreiten die vier Trampeltiere souverän die Wiesen und Äcker nördlich von Berlin. Ihre Gelassenheit übertragen die Tiere gleichsam auf ihre Reiter. Sichtlich entspannt genießen einige Damen den einstündigen Ausritt hoch oben zwischen den Höckern der Kamele.

«Trampeltiere sind absolute Energiesparer und das zeigt sich in ihrem ganzen Wesen», erklärt Kamelbesitzerin Gabriele Heidicke die sonderbar beruhigende Wirkung der Tiere auf Menschen. «Sie können das, was vielen von uns heutzutage abhandengekommen ist: Jede Bewegung ist überlegt und es gibt keine unnötigen Handlungen», sagt Heidicke.

Die Zielgruppe, die sich von der 43-Jährigen auf Kamelen durch die Brandenburger Heide führen lässt, ist deshalb auch klar umrissen. «In der Mehrzahl kommen gestresste Berufstätige im mittleren Alter, die ein meditatives Erlebnis in der Natur suchen», sagt sie. Beispielhaft sind die drei Damen, die sich an diesem Wochenende eine einstündige Tour in die Märkische Heide gegönnt haben. «Nach einem Tag auf dem Kamel hat man die Kraft der Langsamkeit wiederentdeckt», sagt Gisela Kaiser, Psychologin aus Berlin. Zudem hätten sich die Tiere geradezu in ihre Seele geschmeichelt. «Das weiche Fell und die kullerrunden Augen befriedigen die Ursehnsucht nach Geborgenheit und Wärme», schwärmt Kaiser.

Die besondere Wirkung der Kamele haben mittlerweile auch andere für sich entdeckt. Jacqueline Majumder etwa ist Physiotherapeutin und kommt mit ihren Patienten auf den Kamelhof in Nassenheide zum Reiten. «Für die Therapie bei Schlaganfällen und Multipler Sklerose sind Kamele geradezu ideal», sagt sie. Besonders der außergewöhnlich weiche Gang und die Höcker der Tiere seien ein wesentlicher Vorteil gegenüber der hinlänglich anerkannten Reittherapie mit Pferden. «An den Höckern kann sich der Patient gleichzeitig anlehnen und festhalten. Und durch den weichen Gang werden alle Muskelpartien des Körpers gleichmäßig stimuliert», erläutert Majumder. Letztlich kommt für die Therapeutin noch ein ganz entscheidender Aspekt hinzu. «Die Tiere haben im Unterschied zu Pferden keinen Fluchtinstinkt und das macht das Reiten sehr sicher.»

Dass nicht nur Trampeltiere über einen hohen therapeutischen Wert verfügen, davon ist Joachim Kuntzagk überzeugt. Er züchtet seit zehn Jahren im havelländischen Börnicke Alpakas und setzt ebenfalls auf die besonderen Fähigkeiten dieser Tiere. «Alpakas sind ruhig, ziemlich verschmust und außergewöhnlich kontaktfreudig», sagt Kuntzagk über die aus Südamerika stammenden Kleinkamele. Aus seiner Sicht sind das die besten Voraussetzungen, um die Tiere als Co-Therapeuten bei der Behandlung von Krankheitsbildern arbeiten zu lassen. «Denkbar ist der Einsatz in der Ergotherapie oder bei Menschen mit Autismus», sagt Kuntzagk, der die geduldigen Tiere eigentlich ihrer teuren Wolle wegen züchtet.

Auf erste positive Erfahrungen im Zusammenspiel von Alpaka und Mensch kann auch er verweisen. Regelmäßig besucht er mit den Tieren Kindergärten und Altenheime und stoße dabei auf eine überwältigende Resonanz, sagt er. «Kinder und Senioren freuen sich gleichermaßen, wenn ich mit den kuschelweichen Wesen auftauche.» Mittlerweile scheint sich diese Begeisterung herumgesprochen zu haben. In diesem Jahr hat Kuntzagk erstmals eine Anfrage von einer Einrichtung für behinderte Menschen bekommen.