Passendes Handy für schwindende Sehkraft
Aktualisiert (Montag, 22. September 2008 um 10:39) Geschrieben von: Ulrike Bach Mittwoch, 03. September 2008 um 09:00
Seniorenkaufhäuser bieten Alltagsprodukte für ältere Menschen Längst haben Marktforscher die "Best Ager", die "Silver Consumer" als Zielgruppe entdeckt. Diese "neuen Alten" geben vier Fünftel ihres verfügbaren Einkommens aus - mehr als jede andere Altersgruppe. Neue Seniorenkaufhäuser wollen davon profitieren. Agathe Zeitz ist selbst nicht mehr die Jüngste. Für ihre 85-jährige Mutter sucht sie ein Handy ohne Technik-Schnick-Schnack. Große Tasten soll es haben und einfach zu bedienen sein. Denn die Mutter telefoniert für ihr Leben gern, sieht aber nicht mehr so gut. Agathe Zeitz lässt sich von Annette Scherer im Seniorenkaufhaus "SiSenior" im saarländischen Heusweiler beraten und wird fündig. Allerdings ärgert sie sich etwas über den Preis: "Da werden doch Geschäfte mit den Alten gemacht." Aufgrund der geringen Stückzahl ist so ein "Seniorenhandy" recht teuer und kann zwischen 100 bis 200 Euro kosten. Dafür bieten die Modelle ein großes Display mit zusätzlicher Vergrößerungsfunktion und verstärkter Beleuchtung sowie eine sehr laut einstellbare Klingel- und Hörerlautstärke. Leichte Bedienbarkeit und gute Lesbarkeit sollen dafür sorgen, dass ältere Menschen ihre Berührungsängste gegenüber der Technik ablegen. Viele Senioren sind nicht mehr so beweglich und wollen sich nicht durch komplizierte Bedienungsanleitungen kämpfen. Lupe vergrößert TV-BildDie Gänge bei "SiSenior" sind extra breit und die Preise extra groß ausgezeichnet. In den Regalen des Seniorenkaufhauses finden sich zum Beispiel sprechende Blutdruck-Messgeräte, eine TV-Lupe, die über den Bildschirm gespannt das Fernsehbild auf das Doppelte vergrößert, eine Schlüsseldrehhilfe mit einem ergonomisch geformten Drehgriff aus Kunststoff oder ein Teleskop-Schuhanzieher. Aber auch an die Freizeit ist gedacht, etwa mit einem überdimensionalen "Mensch ärgere Dich nicht"-Spiel oder Skat-Spielkarten in Postkartengröße. Für ihr Senioren-Kaufhaus haben Annette Scherer und ihr Bruder Wolfgang Hammes ihre früheren Jobs im Wertpapierhandel und der Ergotherapie aufgegeben. Die Nachfrage nach den Senioren-Produkten sei zwar steigend, aber es reiche noch nicht aus, um sich wirklich auf der sicheren Einkommensseite zu fühlen, bekennt Annette Scherer. Manchmal sei dies schon ein "hart verdientes Brot". Alte Menschen wollen nicht als alt geltenIn der brandenburgischen Provinz, in Großräschen, eröffnete 2005 das erste Seniorenkaufhaus Deutschlands. Dort gab es Umkleidekabinen groß genug für zwei, breite Gänge, um mit dem Rollator durchzukommen, genügend Sitzgelegenheiten und täglich Modenschauen. Trotz seiner Produktvielfalt musste dieser Fachmarkt für Senioren Insolvenz anmelden. 2007 sei der Umsatz eingebrochen. Die Durststrecke überstand die junge Firma wohl nicht wegen der zu dünnen Kapitaldecke. Annette Scherer von "SiSenior" vermutet: "Mode, das läuft nicht. Die alten Leute wollen lieber in normalen Geschäften ihre Kleidung kaufen." Rentner nicht ghettoisierenStatt Rentner zu ghettoisieren, sollte sich der Einzelhandel allgemein auf deren Bedürfnisse einstellen, meinen Marktforscher. Hanne Meyer-Hentschel vom gleichnamigen Institut in Saarbrücken berät Unternehmen in Sachen Senioren-Marketing. Sie betont, dass die alten Menschen auf keinen Fall als alt gelten wollen. Gerade in der Automobil-Industrie hat man das erkannt und bietet mittlerweile Autos an, in die man bequem ein- und aussteigen kann, deren Sitze statt tiefer- höhergelegt sind. Allerdings verschweigt die Werbung die Bezeichnung "seniorengerecht". Denn wer ein Produkt als Seniorenware preist, hat schon verloren. Alles was dem Verbraucher zeige, er sei zu alt, führe zum Misserfolg. Und wer möchte schon gerne Alter und Hilfsbedürftigkeit zugeben? Vielleicht ist das auch der Grund, warum bei "SiSenior" die Hälfte der Kunden aus Angehörigen besteht. Häufig suchen Kunden nach Alltagsprodukten für ihre Eltern oder Großeltern, erzählt Annette Scherer. Sie hat mit ihrem Bruder lange darüber nachgedacht, wie sie ihren Laden nennen sollen. Die Entscheidung fiel dann doch auf "SiSenior", weil "Senior eigentlich neutral ist", meint die Geschäftsführerin. Erfolgreich Verkaufen an Best Ager Bereits 2030 wird laut Berechnungen des statistischen Bundesamtes die Hälfte aller Deutschen über 50 Jahre alt sein. Die Kaufkraft der "Best Ager" ist heute schon enorm und wird innerhalb der nächsten Jahrzehnte weiter wachsen. Die Generation der quicklebendigen Senioren wird darum in den kommenden Jahren zur wichtigsten Gruppe von Verbrauchern. Ihr Konsumverhalten wird über die Zukunft vieler Unternehmen und Geschäfte entscheiden. Noch immer beruht ein Großteil der auf die Senioren ausgerichteten Produkte auf dem längst überholten Klischee vom gebrechlichen Rentner. Wer es aber schafft, die Alten anzusprechen, ohne sie alt aussehen zu lassen, wird zu den Gewinnern zählen, meinen Marktforscher. Annette Scherer bestätigt, dass der Markt nicht einfach zu bedienen sei und man brauche "viel Fingerspitzengefühl", um die ältere Kundschaft zufrieden zu stellen.von Anke Birk
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